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  • David Baer

Die Vertrauensautobahn: Der Trust Proxy

Beschreibung

Ein Proxy ist eine Kommunikationsschnittstelle

Photo by Thien Dang on Unsplash

in einem Netzwerk. Man kann ihn sich wie einen Mittelsmann vorstellen, der zwei verschiedenen Systemen dabei hilft, miteinander zu kommunizieren. Ein Proxyserver begegnet uns beispielsweise beim täglichen Surfen im Internet. Er leitet über seine eigene Adresse Anfragen, etwa zum Aufruf einer Website, an den entsprechenden Empfänger weiter, ohne dass beide direkt miteinander verbunden sein müssen.


Im Unternehmen finden wir häufig folgende Situation vor: Das Management vertraut den Mitarbeitenden eines Teams nicht und beginnt, es zu kontrollieren. Umgekehrt vertraut das Team dem Management nicht, und verheimlicht Ergebnisse und Zahlen. Hier kann ein Proxy helfen, das Vertrauen in beide Richtungen wieder herzustellen.

Das Proxy-Konzept lässt sich auch auf das Arbeitsumfeld von Menschen übertragen. Ein Vertrauensproxy ist eine neutrale Person (z.B. ein Agile Coach), die das Vertrauen von zwei verschiedenen Systemen (z.B. Management und Team) gewinnt, und zwischen ihnen vermittelt. Wenn ein Unternehmen mit einem externen Dienstleister zusammenarbeitet, braucht es innerhalb des externen Teams eine Ansprechperson, die sich im Unternehmen auskennt. Kann das Unternehmen diese Person nicht stellen, z.B. aufgrund von Ressourcenengpässen, agiert ein Mitarbeiter des externen Dienstleisters als Stellvertreter des Unternehmens.

Anti-Pattern

Siehe Wenn du Vertrauen forderst hast du schon verloren!: Vertrauen lässt sich nicht einfordern

Negative Beispiele

Teams, die ihre Zahlen verheimlichen, fälschen oder «gamen», haben die Erfahrung gemacht, dass Transparenz nicht belohnt wird. Das Management verwendet negative Kennzahlen gegen das Team. Dieses Vorgehen ist in einem agilen Umfeld besonders fatal. Agilität ist ein evidenzbasiertes System. Es geht darum zu verstehen, was funktioniert, und was nicht. Es geht nicht darum, Druck zu erzeugen und Teams zu kontrollieren.

Selbstmanagement braucht Vertrauen. Ein Team ohne Vertrauen aus der Führungsebene wird ineffizient und verliert seine intrinsische Motivation. Mit Mikro-Management wird gegen Intransparenz und falsche Kennzahlen gekämpft. Eine Abwärtsspirale beginnt. Aus Angst vor negativen Folgen, werden Entscheidungen nicht mehr selbstständig gefällt. Die bekannte «Cover-My-Ass»-Strategie wird verfolgt und man entscheidet sich stets für die Defensive.

Motivation

Agilität kann nur in einem vertrauensvollen Umfeld gelebt werden. Eine Vertrauenskultur ist eine Fehlerkultur. Wer sich traut Fehler zu machen, ist innovativer und erfolgreicher. Das gilt für einzelne Mitarbeiter, ganze Teams sowie das Management. Der Gesamterfolg eines Unternehmens hängt wesentlich vom Vertrauen zwischen den Mitarbeitenden ab.

Prinzipien

Vertrauen heisst…

  • Zusammenarbeit statt Vertragsverhandlung: Wer sich vertraut, arbeitet zusammen. Wer sich misstraut, schliesst Verträge.

  • Einbahnstrassen verlassen: Das Management vertraut dem Team, das Team vertraut dem Management.

  • Transparenz ohne Angst vor Verurteilung: Mitarbeiter dürfen zeigen, welche Methoden, Projekte und Ansätze funktionieren, und vor allem, welche nicht.

  • Negative Ergebnisse teilen: Eine gelebte Fehlerkultur, in der negative Zahlen kein Hinweis auf Versagen sind, sondern eine Möglichkeit zur Entdeckung neuer Chancen.

Methoden

Wie entsteht Vertrauen? Zunächst muss man wissen, dass der Aufbau von Vertrauen eine lange Zeit benötigt. Vergangene Enttäuschungen und Intransparenz erschweren zudem die Etablierung einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Team und Management. Das Management wird häufig von der Annahme beherrscht, die Mitarbeiter seien «ineffektiv» und «trödeln». Das Team hingegen fühlt sich vom Management «hintergangen».

Ein Vermittler kann Einblick in beide Seiten gewinnen. Er kann dem Management aufzeigen, wie intensiv im Team nach Lösungen gesucht und gearbeitet wird. Gleichzeitig kann der Vermittler das Management daran hindern, die neu eingeführten Kennzahlen gegen das Team zu verwenden. Man kann sich die Proxy-Person wie einen Blauhelm-Soldaten vorstellen, der als Schutzmacht für beide Seiten handelt.

Velocity ist ein gutes Beispiel für eine Kennzahl, die häufig missbraucht wird, um Druck zu erzeugen, statt den gewünschten Effekt der Transparenz zu erzielen. Der Proxy kann dem Management helfen, die Kennzahl zu verstehen und richtig anzuwenden. Er sorgt für einen Paradigmenwechsel in der Führungsebene – «Die Zahl muss runter!» wird zu «Wie kann ich euch helfen die Zahl zu senken?».

Positive Beispiele

Google hat die Entdeckung gemacht, dass Vertrauen eine Kernkomponente ihrer eigenen High-Performance-Teams ist. Damit Teams erfolgreich arbeiten können, braucht es die sogenannte «psychologische Sicherheit». Diese bringt zum Ausdruck, wie sicher sich die einzelnen Teammitglieder fühlen, zwischenmenschliche Risiken einzugehen. Im Rahmen des Projekts «Aristotle» hat Google eruiert, was besonders erfolgreiche Teams auszeichnet. Bei den 180 untersuchten Google-Teams kam es nicht so stark darauf an, wer im Team war. Vielmehr spielte die Art und Weise der Zusammenarbeit eine Rolle. Wo Vertrauen bestand, wurde Effizienz und Leistung erzielt.

Vorteile

Ein Proxy kann den Prozess der Vertrauensbildung in beide Richtungen erheblich beschleunigen. Das Management lässt das Team vertrauensvoll «voranstürmen», hat keine Angst vor schlechten Zahlen und verurteilt diese im Fall von Fehlern nicht. Das Team kann dadurch endlich effizient arbeiten, ist motiviert und leistungsbereit. Dies wiederum macht das Management sehr glücklich, denn aus ihren «trödelnden» Mitarbeitern sind intrinsisch motivierte Problemlöser geworden. Leistungssteigerungen, schneller erzielte Ergebnisse sowie erhöhte Mitarbeitermotivation sind die Folgen. Ein Proxy etabliert eine frische Lernumgebung. Team und Management lernen sich neu kennen und vertrauen.