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  • David Baer

The unprofessional Professional

Professionalität hat in jedem Unternehmen einen guten Ruf. Wer «professionell» handelt, richtet sich konsequent an einem hochwertigen Standard aus, gilt als fachkundig und qualifiziert. Dahinter verbirgt sich eine Gefahr, die oft nicht erkannt wird. Professionalität verhindert Agilität, wenn sie falsch verstanden wird. Blockierte Mitarbeiter, fehlende Innovation und schlechte Produkte sind die Folgen. Doch woran erkennt man «kranken» Professionalismus?

Photo by Leo Manjarrez on Unsplash.


Der Ursprung der Sinnlosigkeit

Ein Statusreport, den niemand liest. Ein Mitarbeitergespräch, das nur zum Schein geführt wird. Ein Budgetprozess, der Führungskräfte monatelang blockiert. Wir alle kennen Prozesse, die uns an ihrem Sinngehalt zweifeln lassen. Unsere Zweifel werden jedoch schnell mit Aussagen wie «Das sind unsere Standardprozesse» oder «Das ist professionelles Vorgehen» beiseite gewischt. Kranker Professionalismus zwingt uns zur Einhaltung sinnloser Standards. Wissensarbeit beinhaltet jedoch immer Kreativität. Es braucht die Freiheit zur Auslegung. Ein Statusreport kann sehr wertvoll sein, oder eben auch nicht. Kranker Professionalismus unterdrückt gesunden Menschenverstand und eigenverantwortliches Handeln. Niemand tut das gerne freiwillig. Wie konnte es soweit kommen?

Unsere (Arbeits-) Welt ist im ständigen Wandel. Der technologische Fortschritt und unsere Erkenntnisse darüber wachsen rasant. Noch vor einigen Jahren hatten wir weniger Wissen und kaum Einsicht, was funktioniert und was nicht. Wir einigten uns auf bestimmte Regeln und Vorgaben. Auch heute sind sie wichtig. Gebrauchstauglichkeit, Sicherheit und Kompatibilität von Prozessen und Produkten sind ohne Standards nicht möglich. Das Problem ist nicht der Standard an sich, sondern dessen Überholung. Hohe Marktgeschwindigkeit, Konkurrenzanzahl und Planungsunsicherheit erfordern innovative Antworten. Regeln aus vergangenen Zeiten machen im heutigen Kontext keinen Sinn mehr.


Vom Verlust der guten Arbeit

Gleichzeit stehen Knowledge Worker unter einem enormen Druck. In einer Welt, die auf Effizienz und Schnelligkeit ausgerichtet ist, wird es immer schwieriger, für gute Arbeit einzustehen. Der Chef drängt, der Mitarbeiter versucht verzweifelt alle Anforderungen zu erfüllen. Überstunden folgen, Fehler schleichen sich ein und die Qualität bleibt auf der Strecke. In der Softwareentwicklung lässt sich diese Problematik sehr gut am Ausmass der technischen Schulden beobachten. Das Aufschieben von Massnahmen zur Sicherung technischer Qualität verlangsamt die Softwareentwicklung. Schlechte Voraussetzungen um neue Produkte von guter Qualität auf den Markt zu bringen.

In der Softwareentwicklung entstand in den frühen 2000ern eine Bewegung namens «Software Craftmanship». Robert C. Martin beschreibt die Motivation dahinter ungeschönt: «We are tired of writing crap». Ein eigenes Manifest der Bewegung fordert 1.) gut ausgearbeitete und nicht nur funktionierende Software, 2.) wertsteigende und nicht nur reaktive Software, 3.) eine Gemeinschaft von Softwareentwicklern im Gegensatz zu einer Ansammlung von Individuen sowie 4.) produktive Partnerschaften zwischen Kunden und Entwicklern. Wie ein Schreinermeister stolz auf den Ebenholztisch ist, der von Generation zu Generation vererbt wird, so sollen Programmierer wieder zu ihrem Berufsethos zurückfinden: Einfach guten Code schreiben.


Gute Arbeit erfordert Mut und Respekt

Gute Arbeit erfordert Zeit und den Mut «nein» zu sagen. Nein zu unrealistischen Zeitvorgaben, nicht durchdachten Aufträgen und schlechten Produkten. Genau hier liegt das Problem. Einfach «nein» sagen ist keine professionelle Haltung. Unter Professionalität verstehen viele eine «Can-Do-Attitude» die nicht hinterfragt, welchem qualitativen Anspruch der Auftrag gerecht wird.

Damit ein «Nein» zu schlechten Produkten möglich ist, braucht es Respekt und Anerkennung innerhalb der verschiedenen Disziplinen eines Unternehmens. Der Softwareentwickler, der den Mut aufbringt, schlechten Code zu melden, muss auf eine offene Haltung des Business zählen können. Werden seine Bedenken nicht ernst genommen, wird er sich in Zukunft nicht mehr die Mühe machen, auf die Risiken technischer Schulden hinzuweisen. Das Business sucht dann vergeblich nach der Ursache langsamer Produktentwicklung und fehlender Anpassungsfähigkeit.

Das Geheimnis von Professionalität liegt nicht in der Wahl von Methoden, Standards oder Regeln, sondern in der Freiheit und persönlichen Anspruchshaltung jedes Einzelnen. Besinnen wir uns wieder mehr auf das «Warum» von Regeln, Standards und Prozessen. Wo helfen sie uns wirklich und wo haben sie ihre Existenzberechtigung verloren? Letztendlich haben wir alle ein Ziel: Gute Arbeit leisten. Wir wollen Produkte erstellen, die gut sind genug sind, um unsere Kunden zu begeistern, ohne sie vergolden zu müssen. Wir wollen schnell auf dem Markt sein, und trotzdem keinen Mist produzieren. Wir wollen Standards behalten, die uns dienen, und solche verwerfen, die uns schaden.

Lasst uns Sätze wie «das ist professionell» durch «das macht Sinn» austauschen. Lasst uns wieder mehr auf unsere Profession und den Stolz der eigenen Arbeit ausrichten. Lasst uns gemeinschaftlich denken und handeln. Lasst uns wieder Freude an der Arbeit haben. Lasst uns all das als «professionell» bezeichnen.